Im Osten viel Neues - Sudetendeutsche Landsmannschaft Bayreuth

Sudetendeutsche Landsmannschaft
Kreisgruppe Bayreuth
Hauptmenü
Direkt zum Seiteninhalt
Hauptmenü

Im Osten viel Neues

Viel Neues im Osten
Tschechien entdeckt "seine" Deutschen
Sendung von BR 24 vom 27.6.2021


75 Jahre nach der Vertreibung und 30 Jahre nach der Maueröffnung blickt die tschechische Öffentlichkeit längst nicht mehr so unversöhnlich auf die Deutschen wie einst. Eine junge Generation versucht die gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten.
Vor allem junge Leute in Tschechien sind es, die lautstark versuchen die vergessene deutsche Geschichte des Landes mit all ihren Widersprüchen ins nationale Bewusstsein zurück zu rufen. Das gefällt nicht jedem in Tschechien - 75 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen.
Die Sudetendeutschen seien an ihrer Vertreibung selbst schuld, heißt es häufig, wenn in Tschechien über die gewaltvolle Aussiedlung in den Nachkriegsjahren 1945 und 1946 gesprochen wird. Die Nazis hatten zuvor das Land zerstört. Die Vertreibung sei daher eine logische Folge gewesen. Bis zum Fall der kommunistischen Diktatur im Jahr 1989 war das auch Staatsräson. Legitimierendes Schweigen prägte die Erinnerung an die Nachkriegsgewalt in der ehemaligen Tschechoslowakei.

Wandel der Erinnerungskultur
Heute wird diese Sichtweise zunehmend kritisiert. Vor allem junge Menschen sind bemüht, die vergessene deutsche Geschichte des Landes mit all ihren Widersprüchen ins nationale Bewusstsein zu rufen. Filme, Bücher, Theaterstücke, Ausstellungen und Erinnerungsveranstaltungen prägen immer mehr die kulturelle Landschaft des Landes, brechen damit aber auch unverheilte Wunden wieder auf. Dabei versuchen die Kulturschaffenden nicht weniger als einen Wandel der Erinnerungskultur des Landes. Sie fordern die selbstkritische Anerkennung der Verbrechen an den Sudetendeutschen und die Einsicht, dass die vertriebene Minderheit ein Teil tschechischer Identität und Kultur ist.

Provokante Ausstellung "Naši Němci"
Passend zu diesem Eingriff ins nationale Gedächtnis entsteht in Ústí nad Labem (dt.: Aussig) die Ausstellung mit dem provokanten Titel Naši Němci (dt.: Unsere Deutschen). Sie ist die erste ihrer Art in Tschechien. Kurator und Historiker Petr Koura möchte damit einen "neuen" tschechischen Blick auf die Geschehnisse präsentieren und vorherrschende Stereotype abbauen. Ein ähnliches Ziel verfolgt auch Jaroslav Ostrčilík. Im mährischen Brünn organisiert er den Versöhnungsmarsch, an dem auch Vertriebene und deren Nachkommen teilnehmen: "Wir versöhnen uns miteinander, aber auch uns selbst damit, was damals passiert ist", sagt Jaroslav Ostrčilík.
Mitinitiatorin des Versöhnungsmarsches, Kateřina Tučková, hat zum Thema Vertreibung einen Bestseller mit dem Titel "Greta - Das deutsche Mädchen" geschrieben. Ein Roman, der ihren Landsleuten die Brutalität der Nachkriegsjahre vor Augen führt. Und Michal Urban schließlich, der mit dem Verein "Antikomplex" an die verlorene sprachliche und ethnische Vielfalt des Landes erinnert, versucht die Geschichte zu nutzen, um Rassismus und Diskriminierung gegenüber Minderheiten in der modernen tschechischen Gesellschaft zu bekämpfen. Urban will so die Vergangenheit nutzen, um die Zukunft des Landes zu gestalten.

Die vergessene Minderheit der Sudetendeutschen
Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs lebte auf dem heutigen Gebiet der Tschechischen Republik für Jahrhunderte eine deutschsprachige Minderheit. 1938 begrüßten diese so genannten Sudetendeutschen zu großen Teilen die Annexion der mehrheitlich von ihnen besiedelten Grenzgebiete durch Nazi-Deutschland. 1939 dann wurden auch die mehrheitlich tschechisch besiedelten Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens besetzt.

Vertreibung kostete bis zu 30.000 Menschenleben
Im Mai 1945, nach sechs Jahren Krieg, Terrorherrschaft und Herrenmenschenideologie verkündete der aus dem Exil zurückgekehrte tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš, dass das deutsche Volk wie ein "einziges, riesiges, menschliches Ungeheuer" erscheine. Die Lösung für eine friedliche Zukunft sahen er und seine Regierung nur in der Aussiedlung und Enteignung der deutschen Bevölkerung. Bis zum Ende des Jahres 1946 mussten etwa drei Millionen Sudetendeutsche ihre Heimat verlassen. Oft begleitet von roher Gewalt: Die aus den Fugen geratene Vertreibung kostete bis zu 30.000 Menschenleben. Seitdem habe sich in Tschechien das Freund-Feind-Schema entlang nationaler Trennlinien teilweise bis heute gehalten, meint der Historiker Petr Koura.
"Ich glaube, dass die Ausstellung Stereotype abbauen kann, die während des letzten Jahrhunderts entstanden sind: Dass das alles Faschisten waren, Nazis, die die Vertreibung verdient hatten. Wir wollen zeigen, dass nicht alle so waren und dass die Spaltung in Tschechen, Deutsche und Juden eigentlich ein Produkt gerade dieser nationalsozialistischen Ideologie war." Petr Koura, Historiker

Reuige Geschichtsaufarbeitung häufig unerwünscht
Ob Franz Kafka, Edmund Husserl oder Sigmund Freud. Auch die jüdische Minderheit rechnet Petr Koura zu seinen, den tschechischen Deutschen. Der Historiker ist Teil einer neuen, unbefangenen Generation, die erforschen will, wie viel die Deutschen mit der eigenen Identität zu tun haben. Die Vertreibung in Frage zu stellen, ist in Tschechien lange mit Geschichtsrevisionismus gleichgesetzt worden. Bis 1989 gab es vor allem eine Erzählung der Geschichte, von der kommunistischen Führung der damaligen Tschechoslowakei geprägt: Die Vertreibung war richtig, die Deutschen weg - und damit Schluss mit der Diskussion.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 vertreten 41 Prozent der Befragten in Tschechien, die Ansicht, dass die Vertreibung gerecht war. Annähernd so viele empfinden sie als ungerecht. Die Umfrage des Prager Forschungszentrums CVVM zeigt aber auch, dass nur 13 Prozent eine reuige Aufarbeitung wünschen. Die Kritik an der Aufarbeitung ist im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert. Ein Blick in einschlägige Internetblogs, Foren und Kommentarspalten zeigt aber, dass sie durchaus verfängt.
Zurück zum Seiteninhalt